Am 13.03.2017 zeigten wir in Zusammenarbeit mit der Kulisse Ettlingen den 2. Film unserer Filmserie. „Erde und Asche – Terre et Cendres“ begleitet Dastaguir und seinen Enkel Yassin auf dem Weg zum Vater des Jungen, um ihm die Nachricht zu überbringen, dass der Rest der Familie bei einem Bombenangriff getötet wurde. Der kleine Junge hat bei dem Angriff sein Gehör verloren und findet sich schwer in der neuen Situation zurecht. Der Großvater zögert lange, dem Sohn die schlechten Nachrichten zu überbringen, aus Angst, dass dieser Rache nehmen wird. Am Ende lässt er seinen Enkel an einem Wegposten zurück und macht sich allein auf den Weg zu der Mine, in der sein Sohn arbeitet. Dort angekommen erfährt er, dass sein Sohn bereits von dem Angriff auf das Heimatdorf weiß und davon ausgeht, dass seine gesamte Familie tot ist. Anstatt sich allerdings auf den Weg ins Heimatdorf zu machen und in traditioneller Weise um seine Familie zu trauern, arbeitet er in der Mine weiter. Ohne dass sich Vater und Sohn begegnen, macht sich Dastaguir auf den Rückweg zu seinem Enkel und verstößt seinen Sohn.

Der Film kommt mit sehr wenigen Dialogen aus und lässt dem Zuschauer durch intensiv lange Kameraeinstellungen viel Zeit, sich in die Situation und den inneren Konflikt des Hauptdarstellers einzufühlen. „Genauso ist Afghanistan: grau und staubig und die meisten Menschen außerhalb der großen Städte gehen tatsächlich zu Fuß oder sind auf Mitfahrgelegenheiten angewiesen“ bestätigt Oberfeldarzt Dietrich Podehl im Anschluss an den Film. Er selbst war zweimal in Afghanistan im Einsatz und hat sich ein Bild davon machen können, wie die Kriege und Konflikte der vergangenen Jahrzehnte das Land geprägt haben. Podehl schildert die Strapazen des Einsatzes: der Staub, die mit Fäkalien belastet Luft, die vor allem am Anfang des Aufenthalts zu starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt. Weite Teile der einheimischen Bevölkerung seien gegenüber den deutschen Truppen jedoch eher positiv eingestellt.

Filmabend Afghanistan

 

Dietrich Podehl beschreibt das Land als traditionelle Clangesellschaft, die aus westlicher Perspektive unregierbar scheint. Entscheidungen werden von den Ältesten der Clans für die gesamte Familie getroffen. Vielen jungen afghanischen Flüchtlingen fällt es entsprechend am Anfang oft schwer, sich ohne die Führung der Älteren in Europa zurechtzufinden.

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind in Afghanistan immer noch stark ausgeprägt. Informationen dringen nur spärlich in die entlegenen Regionen durch. Podehl erzählt von der Begegnung mit Menschen, die 2008 noch nichts vom Ende der Sowjetunion mitbekommen hatten und davon ausgingen, dass die Besatzung Afghanistans immer noch andauern würde. Große Teile der intellektuellen Elite verließen das Land bereits in den 70er und 80er Jahren, was die Entwicklungsperspektiven des Landes deutlich verschlechterte. Die kurzfristige Modernisierung der Rolle der Frau zur Zeit der sowjetischen Besatzung wurde unter der Herrschaft der Mudschaheddin und später der Taliban wieder zunichte gemacht. In großen Städten wie Kabul, Kandahar, Mazar-e-Scharif oder Kunduz findet zwar langsam eine gesellschaftliche Modernisierung statt, die auch zu einer Verbesserung der Situation der Frauen führt. Nach wie vor gibt es aber Kinderehen und Witwen werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Eine Stabilisierung der politischen Strukturen müsse sich das Land selbst erarbeitet und könne nicht vom Westen übergestülpt werden. Als größtes Problem für die aktuelle Sicherheitslage in Afghanistan sieht Podehl die kriminellen Strukturen rund um den Opiumhandel und die zunehmenden Anschläge von IS-Kämpfern, die ihren Aktionsraum aus dem Nahen Osten zunehmend weiter östliche verlagern. Um diesen Problemen Herr zu werden, sei es auch hier wichtig, die entlegenen Gebiete besser mit Informationen zu versorgen und alternative Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen.

Im medizinischen Bereich zeigen sich deutliche Fortschritte: die Lebenserwartung von Frauen hat sich der von Männern angeglichen, die Kinder- und Müttersterblichkeit ist deutlich gesunken. Nach wie vor ist die medizinische Versorgung auf dem Land jedoch sehr rudimentär: in maximal 2 Fußstunden Entfernung erreicht man eine medizinische Basisversorgung, die allerdings nur ein sehr geringes Spektrum an medizinischen Behandlungen anbietet. Die Taliban kämpfen darüber hinaus gegen westlichen Hilfsaktivitäten an. Sie streuen Gerüchte, wonach die Impfung gegen Kinderlähmung Menschen unfruchtbar macht. Impfteams können nur unter großen Sicherheitsvorkehrungen ihrer Tätigkeit nachgehen, da sie oft angegriffen werden.

Bei der Frage nach der Abschiebung afghanischer Flüchtlinge aus Deutschland betont Podehl noch einmal, dass er nicht als offizieller Vertreter der Bundeswehr spricht, sondern als Privatmann. Er selbst hat Kontakt zu Flüchtlingen in seiner Kirchengemeinde und teilt persönlich die Einschätzung, dass „in Afghanistan nichts sicher ist“. Die Möglichkeiten der Integration bewertet er als positiv, da die Flucht aus Afghanistan überwiegend Menschen aus der Mittelschicht antreten, die über entsprechende Informationen und finanzielle Mittel verfügen. Am Ende sei es aber immer noch eine Frage der Persönlichkeit jedes Einzelnen, wie er sich in der neuen Situation einfindet.

Wir bedanken uns noch einmal ganz herzlich bei Dietrich Podehl für seine spannenden Schilderungen, die einen sehr lebendigen Eindruck von der Situation vor Ort vermittelt hat und viele Zusammenhänge verdeutlichen konnte.

Als nächsten Film der Serie zeigen wir am 15.5. „Back to Africa“. Weitere Informationen folgen…

Kulturteam Arbeitskreis Asyl Ettlingen
Das Kulturteam des Arbeitskreis Asyl Ettlingen mit Dietrich Podehl